Tipps für Anfänger - Einleitung

 

Sehr oft bekomme ich Aussagen zu hören wie: “Ich kann nicht zeichnen, bin viel zu ungeschickt.” “Da bin ich schlecht, ich hatte in der Schule immer eine schlechte Note.” Dazu meine Antwort: “Zeichnen und malen kann jeder. Es gibt Grundregeln, die jeder und jede mit etwas Geduld erlernen kann.“ Allerdings wird nicht jeder Picasso. Das wäre dann schon eine andere  Geschichte…

 

Jeder und jede in unserer Kultur kann schreiben. Es wird als Basisfertigkeit angeschaut, die sich alle Kinder schon von der Grundschule auf aneignen. Es zweifelt auch niemand daran, dass es zum Schreiben-Lernen ein besonderes Talent oder eine höhere Begabung braucht. Genauso ist es auch mit der Sprache. Jeder und jede kann sie lernen, zumindest als Basis zur im Alltag erforderlichen Kommunikation.

 

Dasselbe gilt auch für das Zeichnen und das Malen. Schon ein kleines Kind greift gerne zu Farb- oder Filzstiften und freut sich, wenn der Stift auf dem Papier eine Spur hinterlässt. Vielleicht kommt dann die Antwort: “Ja, aber ich bin kein kleines Kind mehr und wenn ich etwas mache, ist es nicht schön. Ich kann auch nicht schön schreiben!” Okay, das kann man so stehen lassen… Doch was ist eigentlich schön? Schön schreiben? Schön zeichnen? Schön malen? Sind die Bilder von Jean-Baptiste-Siméon Chardin  http://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Sim%C3%A9on_Chardin etwa schöner als diejenigen von Jean Dubuffet http://www.pacegallery.com/artists/114/jean-dubuffet? Beide sind als herausragende Künstler in die Kunstgeschichte eingegangen. Und hier könnte ein unendlicher Streit beginnen, denn Geschmäcker sind ja bekanntlich sehr individuell. Und die Kunstgeschichte orientiert sich ja nicht am persönlichen Geschmack von Einzelnen, sondern beschreibt die Meilensteine, die in der Entwicklung der Kunst über Jahrhunderte hinweg bedeutend waren.

 

Die Ästhetik, also die Wissenschaft von der wahrnehmbaren Schönheit, aufgrund  deren einerseits Kunstwerke beurteilt werden, kennt neben dem Kriterium “schön” eine Unzahl an weiteren Kriterien. Ja, Schönheit ist seit mehr als 100 Jahren nicht mal das wichtigste. Und in der zeitgenössischen Kunst setzen sich die wenigsten Künstler das Ziel, einfach nur etwas Schönes zu machen.

 

Doch es geht bei dieser kleinen Anleitung in erster Linie nicht um Kunst, sondern es geht um ein Handwerk. Zeichnen und Malen ist ein Handwerk, dessen Grundregeln man erlernen kann. Wer diese kennt und mit ihnen umgehen kann, ist im Besitz von Bausteinen, mit denen schon mal  etwas gebaut werden kann, das funktioniert und in sich stimmt.

 

Wie geht man aber an so ein Handwerk heran? Ist es nicht kompliziert? Ja, es kann auf den ersten Blick so erscheinen, doch wer weiterliest erfährt, dass schon viel bereits vorhanden ist, als man denkt. Deshalb: Weg mit den Urteilen “Ich kann das nicht!”, „Ich lerne das nie!“ „Ich habe kein Talent”, “Mir fehlt die Phantasie.”! Jeder Mensch, der einen Bleistift oder einen Pinsel halten kann – es geht auch mit den Füssen oder mit dem Mund! – kann auch einen Strich oder einen Fleck auf einer Unterlage machen. Wir haben das alle in unseren ersten zwei Lebensjahren gelernt, so wie wir greifen, sprechen, gehen und schlucken gelernt haben.

 

Die Frage ist eher: „Möchte ich mehr als nur einen Strich oder Fleck machen? Möchte ich schauen wie man die Striche und Flecke zu einem Gesamtbild organisiert? Wie geht das? Worauf muss ich achten? Wie muss ich vorgehen, wenn ich einen Tisch oder Stuhl oder einen bekannten Ausblick aus dem Fenster abbilden möchte? Wie gebe ich einem inneren Bild eine konkrete Form? Wie drücke ich eine Stimmung aus? Wie eine innere Emotion?

 

Falls Sie entschlossen sind und es wagen wollen, lesen Sie einfach weiter. Unten finden Sie ein paar Grundregeln des Handwerks – dazu auch Tipps, wie man sich diese Regeln einverleiben und sie anwenden kann. Und vergessen Sie vorerst die Kunst! Darum geht es in dieser Phase nicht. Denken Sie daran, wie Sie vor vielen Jahren das erste Mal Ihren Namen schreiben konnten. Das war ein Spass, eine Freude! Deshalb: Überfordern Sie sich nicht. Fangen Sie ganz einfach an. Experimentieren Sie, spielen Sie, geben Sie nicht auf! Was am Anfang schwer erscheint, wird plötzlich zur Selbstverständlichkeit und Sie können sich an den nächsten Schritt heranwagen.

 

Was schon da ist

 

Wie oben schon erwähnt, haben wir alle einmal gelernt, wie man einen Stift in der Hand hält und damit einen Strich aufs Papier setzt. Was aber schon viel früher da war, und zwar ab dem ersten Lebensmonat, das ist das Sehen. Wir nehmen die Welt um uns herum mit unseren Augen und auch den übrigen Sinnen wahr. Es ist ein Missverständnis zu denken, dass Zeichnen und Malen damit beginnt, Striche und Flecken richtig auf ein Papier zu platzieren. In Wirklichkeit beginnt es mit dem Schauen, dem aktiv Hinschauen. Wie sieht ein Baum wirklich aus? Wie hebt er sich vom Untergrund ab? Wie genau sieht es aus, wenn er fest im Boden verwurzelt ist?

 

Die Übung beginnt also schon, bevor man überhaupt ein Blatt Papier zur Hand nimmt. Und eigentlich üben wir schon, seit wir auf dieser Welt sind. Das ist doch eine gute Nachricht, oder? Wir können wie bisher einfach weiter üben,, indem wir unsere Umgebung beobachten, beim Spaziergang in der Natur, im Tram auf dem Weg zur Arbeit und bei vielen anderen Gelegenheiten. Das Einzige, was jedoch verändert werden muss, ist die Art des Hinschauens. Das passive Schauen müssen wir in ein aktives Hinschauen umwandeln.

 

„Aktiv hinschauen“ bedeutet, unsere Wahrnehmung auf den reinen Sehsinn zu reduzieren. Unser Hirn hat im Laufe unserer Entwicklung eine grosse Menge an  Bildern und Formen abgespeichert und kategorisiert. Diese Funktion ist sehr wichtig, denn sie hilft uns, die vielen Reize aus unserer Umgebung schneller zu verarbeiten. So können wir uns in der Welt orientieren. Doch sie führt auch dazu, dass wir in unserem Alltag nicht mehr wirklich hinschauen, da uns ja die Bilder im Kopf zu Hilfe kommen.

Was im Alltag hilfreich ist, kann uns beim Zeichnen und Malen im Wege stehen, denn das Gehirn möchte uns diktieren, wie etwas auszusehen hat.

 

Aktiv hinschauen bedeutet also „umzuschalten“ und zu versuchen, die Bilder im Kopf auszublenden. Versuchen Sie dazu eine kleine Übung: Zeichnen Sie einen Gegenstand, der Ihnen spontan in den Sinn kommt auf einen Fresszettel. Dann gehen Sie hin und schauen den Gegenstand einmal wirklich an. Stimmt es, was Sie skizziert haben? Wahrscheinlich fehlen da ein paar Details? Das Bild aus dem Kopf sieht viel zu „banal“ aus? Oder Sie haben einen ganz wichtigen Aspekt vergessen...? Ich behaupte: Der Grund dafür ist nicht Ihr Mangel an Talent, sondern haben Sie vielleicht nicht genau hingeschaut? Probieren Sie es aus!

 

Was es braucht

 

Geduld und Ausdauer sind das A und O bei jeder Fertigkeit, die man erlernen möchte. Geduld hat auch damit zu tun, was wir erreichen möchten, was unsere Ziele sind. Oft geht es nicht schnell genug und das frustriert!

 

Deshalb: Stecken Sie sich erreichbare Ziele und gehen Sie in kleinen Schritten vor. Seien Sie nett mit sich. Loben Sie sich, wenn etwas gelingt! Und wenn etwas total misslingt, versuchen Sie es einfach nochmals. Bei zweiten Mal geht es sicher besser!

 

Dabei konzentrieren Sie sich auf das, was Sie jetzt gerade tun. Denken Sie nicht an morgen oder an das, was Sie als nächstes in Angriff nehmen möchten. Das lenkt nur ab und hält Sie davon ab, sich auf die jetzige Tätigkeit zu fokussieren. Manchmal ergibt sich aus einer bewältigten Aufgabe automatisch der nächste Schritt. Seien Sie offen dafür! Folgen Sie Ihrer Neugier und vor allem dem, was Ihnen Spass macht, woran Sie Gefallen finden!

 

Und dann schauen Sie ab und zurück und rekapitulieren Sie, was schon alles gelungen ist. Ich bin sicher, dass Sie dann sehen werden, wie sich die vielen kleinen Schritte zu einem klaren, nachvollziehbaren Weg, zu einem roten Faden geformt haben.

 

Wie gehe ich vor?

Wie bereits erwähnt, nehmen Sie sich kleine Schritte vor. Fangen Sie mit etwas ganz einfachem an. Anstatt zuerst ins Fachgeschäft zu gehen und sich mit einer Menge an teurem Material einzudecken, nehmen Sie zur Hand, was Sie spontan zur Verfügung haben. Ein Blatt Papier, einen Bleistift, einen Kugelschreiber… Machen Sie die Übung, die ich am Ende des vorherigen Abschnitts beschrieben habe mehrmals.

 

Dann gehen Sie dazu über, Ihre Umgebung mit dem Zeichenstift zu erforschen. Das heisst, versuchen Sie Gegenstände aus Ihrem Alltag, die sich in Ihrer Reichweilte befinden, zu skizzieren. Wie sehen Sie wirklich aus? Wenn sich der Erfolg nicht gleich beim ersten Versuch einstellt, dann schauen Sie einfach nochmals hin, genauer! Oder nehmen Sie nur einen Ausschnitt des Gegenstandes. Oder vereinfachen Sie ihn und fügen erst dann einzelne Details hinzu.

 

Sie können auch in der Zeitung oder in einer Zeitschrift blättern. Was zieht Sie spontan an? Welche Objekte, Fotos, Bilder? Üben Sie sich im Hinschauen, indem Sie versuchen zu Papier zu bringen, was Sie sehen – es können auch Details einer Gesamtaufnahme sein.

 

Weckt das Ihre Neugier nach mehr? Wie könnte man die Darstellung verändern? Die Form oder die Farben? Welche Techniken könnte man noch verwenden? Wie könnte aus den so abgebildeten Elementen ein Bild entstehen, das Sie selber gerne an die Wand hängen würden?

Wenn Sie diese Neugier verspüren, dann lesen Sie einfach weiter!

 

Von einfach zu komplex

 

Das Prinzip „von einfach zu komplex“ gilt für alle übrigen Kapitel, die hier folgen werden. Wir neigen dazu, viel zu viel beschreiben zu wollen, sodass die Kernaussage verlorengeht. Zu viele Details und Einzelheiten wirken nur verwirrend. Manchmal glauben wir auch, etwas interessanter gestalten zu können, indem wir eine ausgefallene Technik wählen oder zum Alltäglichen noch etwas Ungewöhnliches hinzufügen. Das funktioniert in den wenigsten Fällen! Nur was in der Einfachheit stimmt, stimmt auch, wenn man es komplizierter macht.

 

Deshalb gilt: Nehmen Sie sich anfangs einfache Aufgaben vor und bewältigen Sie diese, bis Sie zufrieden sind. So können neue Ideen spontan entstehen. Sie fallen Ihnen zu. Die neuen Lösungen ergeben sich von selbst und nicht so, dass man krampfhaft danach sucht. Dies gilt für Zeichentechniken, die Farbwahl und auch für die Wahl von Techniken und Materialien.  

 

Striche und Flecken

 

Zeichnen und Malen sind die Grundinstrumente des Abbildens, wobei die beiden nicht strikt voneinander zu trennen sind. Es sind die Striche des Zeichnens und die Flecken des Malens, aus denen jedes Bild zusammengesetzt ist – dies gilt im Prinzip auch für „alternative“ Materialien, die seit dem 20. Jahrhundert vermehrt verwendet werden. Auf diese möchte ich aber ein anderes Mal eingehen.

 

Betrachtet man unsere Aussenwelt, muss man sich – wenn man genau hinschaut! – eingestehen, dass es in unserer wahrnehmbaren Umgebung eigentlich keine Striche und Flecken gibt. Die „Linien“, die Objekte von ihrem Hintergrund trennen, sind nicht wirklich Linien und auch die Objekte selbst sind nicht mit Farbflecken bedeckt, obwohl die Art, wie sie auf gemalten Bildern organisiert sind, das Objekt manchmal so täuschend ähnlich aussehen lässt.

 

Unsere Aussenwelt ist dreidimensional und Bilder – die Abbilder unserer Aussenwelt– sind zweidimensional, also nur Flächen, auf denen die „Illusion“ der Aussenwelt dargestellt wurde. Daher ist jedes Bild eigentlich nichts anderes als eine pure Illusion, eine Täuschung. Bilder sind auch immer Vereinfachungen, denn es ist nur schon durch die Reduktion vom Dreidimensionalen zum Zweidimensionalen nicht möglich, irgendeine Erscheinung aus unserer Aussenwelt 1:1 identisch darzustellen. Dies gilt auch für Bilder, die aus der Vorstellung entstehen - innere, intuitive Bilder, die etwa Gefühlsregungen oder Emotionen auszudrücken versuchen.

 

Zeichnen

 

Im letzten Abschnitt wurde erwähnt, dass das Zeichnen nicht strikt vom Malen zu trennen ist. Das bedeutet, dass das Verwenden eines Bleistifts, eines Stücks Kreide oder eines Kohlestifts nicht automatisch Zeichnen bedeutet. Denn sobald man ein Zeicheninstrument zum Ausfüllen einer Fläche verwendet, zeichnet man nicht mehr, sondern malt. Ebenso ist ein Pinsel nicht ausschliesslich ein Malinstrument. Denn man kann mit ihm, ebenso wie mit einem Zeichenstift, zum Beispiel auch eine Kontur nachzeichnen.  

 

Zeichnen ist eigentlich ein Messinstrument. Es dient dazu, den Aufbau, die Grundstruktur eines Objekts, die Beziehungen in einem Raum und von Objekten zueinander zu bestimmen. Normalerweise macht man das mit einer Skizze, einem Entwurf. Es ist der erste Schritt, mit dem man sich an die Aufgabe herantastet, aus der dreidimensionalen Erscheinung aus der reellen Welt eine zweidimensionale Illusion zu gestalten.  

 

Das Vorgehen ist ganz einfach: Vorerst gilt es sich zu entscheiden, was im Vordergrund und was im Hintergrund stehen soll. Das ist ganz einfach, wenn man ein einzelnes Objekt darstellen will. Es wird aber zunehmend komplexer, sobald weitere Objekte hinzukommen oder wenn man gar einen Raum darstellen will. Doch es muss stets von Anfang an gemacht werden, denn Hintergrund und Vordergrund sind nicht etwas Getrenntes, sondern spielen stets zusammen. Sie stehen in Beziehung zueinander und beeinflussen sich auch.

 

Nun kann mit dem Messen begonnen werden. Das ist ganz einfach, indem man auf der Fläche sogenannte Fixpunkte bestimm, sie einzeichnet und miteinander verbindet. Was ist der oberste Punkt eines Objekts, was der unterste? Wie breit ist das Objekt? Kann man es auf eine einfachere Form reduzieren? Wenn ja, dann tun Sie das und skizzieren es. Weitere Details können auch später ergänzt werden.

 

Soll ein Bild mehrere Objekte enthalten, fangen Sie mit dem dominantesten an und ergänzen dann die übrigen Elemente. Wie sind die Abstände zwischen den einzelnen Objekten? Messen Sie sie ab. Ist es die Hälfte der Breite des Dominanten Objekts oder nur ungefähr 2/3? Stehen die Objekte hintereinander? Wie viel sieht man von den Objekten, die von anderen Gegenständen verdeckt werden?

 

Schauen Sie einfach hin und bilden Sie in groben Strichen nur das ab, was Sie wirklich sehen. Eine Skizze darf auch Striche enthalten, die dann auf dem Endprodukt nicht mehr zu sehen sind. Sie dienen der Orientierung, um die Komposition – also das Zusammenspiel zwischen den abgebildeten Objekten und dem Hintergrund – zu bestimmen.

 

Genau dasselbe Vorgehen gilt auch für abstrakte, ungegenständliche Bilder. Nur arbeitet man hier mit inneren Bildern statt mit dem, was man in der Aussenwelt sieht. Trotzdem, muss auch bei abstrakten Bildern eine Struktur, eine Grundidee bestimmt werden, die dann als tragendes Element dient. In gleicher Weise ist die Skizze auch hier eine Hilfe, der Idee, dem inneren Bild eine äussere Form zu geben, sie in eine zweidimensionale Illusion umzuwandeln.

 

Ist die Skizze einmal fertig, kann die Zeichnung auf ein neues Blatt Papier oder eine andere Art von Unterlage übertragen werden – pausen ist erlaubt! – und die Arbeit am eigentlichen Werk kann beginnen.

 

Möchte man bei der Zeichentechnik bleiben, ist es ganz wichtig zu wissen, dass man die Striche einer Zeichnung unterschiedlich „dosieren “ kann. Sie können unterschiedlich breit und auch unterschiedlich stark sein. Je mehr Kraft man aufwendet, desto breiter und stärker werden die Striche. Es ist genauso, wie Musiker mit lauten und leisen Tönen arbeiten, um Dynamik in die Musik hineinzubringen.

 

Hier gibt es zwei einfache Regeln: Je mehr ein Objekt im Vordergrund steht, desto breiter und stärker seine Umrisslinien. Je mehr es in Richtung Hintergrund geht, desto feiner und subtiler werden auch die Linien. Das Verleiht dem Bild auch Dynamik und Tiefe. Die zweite wichtige Regel ist, dass Objekte kleiner werden, je weiter sie in den Hintergrund rücken. Diese Prinzipien gehören zu den Grundregeln der Perspektive.

 

Malen

 

Das Malen erfasst im Gegensatz zum Zeichnen nicht das Grundgerüst eines Abbilds, sondern ist dazu da, es mithilfe von Farbflecken mit Masse aufzufüllen. Sie bilden sozusagen das „Fleisch“ am Skelett einerseits, und dienen andererseits auch dazu, die Zwischenräume auszufüllen. Deshalb ist das Skelett – die Zeichnung – so wichtig. Denn wenn das Skelett nicht stimmt, kann sich auch die Masse nicht richtig einfügen und die Zwischenräume wirken nicht glaubwürdig.

 

Malen ist nicht einfach das Auftragen von Farbe mit einem Pinsel. Malen bedeutet in Flächen und Flecken denken und sehen. Welche Technik wir verwenden, um das Gesehene auf einen Blatt Papier oder einem anderen Untergrund abzubilden, ist im Grunde genommen zweitrangig. Denn das ist die Grundregel, die für alle Maltechniken gilt.

 

Auch beim Malen gelten ähnliche Regeln, wie sie im Zusammenhang mit den verschiedenen Strichstärken beim Zeichnen beschrieben wurden. Diese müssen eingehalten werden, um die Illusion von Dreidimensionalität zu erreichen. Auch hier gilt: 1. Grosse Flecken und Pinselstriche gehören in den Vordergrund, kleinere in den Hintergrund. 2. Im Vordergrund wird eher mit satten, intensiven Farben gemalt, im Hintergrund mit feineren Pastelltönen. 3. Im Vordergrund sollte man sich um mehr Genauigkeit und Schärfe bemühen, der Hintergrund darf zunehmend unschärfer werden.

 

Das gilt auch ganz konkret für den Prozess des Malens. In der Regel beginnt man eher mit verdünnten Farben und fügt schrittweise pastösere Farben hinzu. Die dicksten Pasten werden dann im Vordergrund platziert. Das verleiht der Illusion noch mehr Plastizität. Gehen Sie ins Kunstmuseum oder in eine Galerie und Sie werden entdecken, dass es die grossen Maler genauso gemacht haben.

 

Material und Techniken

 

Es gibt eine Unmenge an Techniken und verschiedenen Materialien und alle hier aufzuführen, würde den Rahmen dieses Textes sprengen, der sowieso schon zu lang ist. In den Anfängen ist es sinnvoll, sich auf herkömmliche Techniken zu beschränken und mit Materialien zu beginnen, die man schon kennt. Man will sich ja auf die Grundlagen des Gestaltens konzentrieren und nicht mit unbekannten Techniken kämpfen.

 

Die wichtigsten Techniken können in zwei Kategorien unterteilt werden: Diejenigen, bei denen das Farbpigment in trockenem Zustand aufgetragen wird – wie Blei- und Farbstifte, Kohle, Kreiden usw. – und diejenigen, bei denen man die Farbe verdünnen muss, um damit arbeiten zu können. Am häufigsten verdünnt man Farben mit Wasser wie beim Aquarell, bei Gouache, Tempera und Acryl. Bei der Ölmalerei verwendet man Terpentinöl (doch das ist schon eine Technik für Fortgeschrittene). Bei Kreiden und Stiften braucht es kein Hilfsmittel, um die Farbe aufzutragen. Bei den übrigen verwendet man meist Pinsel.

 

Wichtiger Tipp für die Arbeit mit dem Pinsel: Man sollte immer einen Stofflappen zur Hand haben, in den man die Farbe vom Pinsel abwischt, bevor man ihn in eine neue Farbe taucht. Es reicht nicht, den Pinsel ins Wasser zu tauchen und auszuspülen. Wischt man den  Pinsel nicht gründlich ab, bleibt immer noch etwas Farbe hängen, die dann die neue Farbe verschmutzt. Es empfiehlt sich bei aggressiveren Farben auch mehrere Pinsel zu verwenden.

 

Wer noch nicht so viel Erfahrung hat, sollte zuerst mit Zeichenstiften zu arbeiten beginnen.  Man kann damit exakter arbeiten und durchs Schreiben, bringt Jeder und Jede schon Einiges an Erfahrung mit. Mit einem Blei- oder Farbstift kann man sich langsam vortasten. Man kommt nicht so schnell vorwärts, macht aber auch weniger Fehler. Ausserdem sind Zeichenstifte eine ideale Art, sich in Geduld zu üben. Der Vorteil bei dieser Technik ist auch, dass der Aufwand am geringsten ist. Man braucht relativ wenig Platz und kann alles schnell aus- und einpacken.

 

Wer etwas grosszügiger arbeiten will, kann sich auch schon an Pastell- und Ölkreiden wagen. Man kann grössere Formate verwenden und kommt schneller vorwärts. Doch auch der Aufwand wird grösser. Die Malunterlage und auch der Boden unter dem Tisch sollten abgedeckt werden. Ein Strich geht schneller daneben als man es sich versieht, und auch Stücke von Kreide fallen gerne mal unter den Tisch. 

 

 

Wer mit Pinsel und flüssiger Farbe arbeiten will, sollte beachten: Je feiner die Details, desto dünner der Pinsel . Je grosszügiger die Farbflächen, desto breiter der Pinsel. Für pingelige Details verwendet man spitze Pinsel, für Flächen flache Pinsel. Die Pinsel werden aus unterschiedlichen Materialien hergestellt. Oft sind sie aus Naturhaar oder aus Kunststoff. Es gibt Pinsel mit feinen und borstigen Haaren. Sie haben verschiedene Funktionen: Die feinen Pinsel verwendet man für sehr dünne Farbe. Die borstigen hingegen, wenn man mit dicken – nur wenig verdünnten – Schichten arbeitet, die „Pasten“ genannt werden.

 

Gouache, Tempera und Acryl sind für Anfänger und für Fortgeschrittene Techniken, mit denen man gut mit dem Pinsel experimentieren kann. Sie trocknen schnell und Stellen, mit denen man noch nicht zufrieden ist, können leicht übermalt werden. Doch auch hier gilt die Regel: dünne Schichten vor dicken Schichten! Denn wenn man es umgekehrt macht, bekommen die dünnen Schichten, die auf pastöse Schichten aufgetragen werden Risse und bröckeln ab!

 

Eine der anspruchsvollsten Techniken neben der Ölmalerei ist die Aquarelltechnik. Die Farben sind nicht deckend und man kann nichts mehr korrigieren, was man einmal aufs Papier aufgetragen hat. Wer mit Aquarell arbeiten will, muss vorausplanen. Der Maler muss sich eigentlich schon das gesamte Bild bis ins Detail im Kopf vorstellen können, um es dann nur noch auf das Papier zu übertragen. Deshalb würde ich es für Anfänger nicht empfehlen.

 

Untergrund

 

Der Mal- oder Zeichenuntergrund ist eine sehr wichtige Komponente bei jedem Bild, denn er bestimmt im Wesentlichen seine Gesamterscheinung. Deshalb muss man ihn mit Sorgfalt aussuchen und ihn auch mit Liebe und Respekt behandeln. Er sollte zum Beilspiel keine Flecken oder gar Knicke aufweisen. Man muss ja jederzeit damit rechnen, dass einem ein eimaliges Kunstwerk gelingt!

 

Meist ist der Untergrund, auf den man malt oder zeichnet weiss. Bei einigen Techniken wird dieses Weiss ganz übermalt. Bei einigen scheint das Weiss durch und das wird ganz bewusst eingesetzt.  Dies gilt für alle Techniken mit Zeichenstiften und die Aquarelltechnik. Die weissen Stellen auf dem Papier sind gleichzeitig auch die hellsten Stellen, die man freilassen muss. Denn eine Korrektur ist nicht möglich, wenn das Weiss übermalt wird.

 

Der zweite Aspekt des Untergrunds, der ein Bild beeinflusst, ist seine Beschaffenheit. Denn die Hauptfunktion des Untergrunds ist ja, Farbpigmente aufzunehmen. Bei Papier sind das die feinen Papierfasern und bei der Leinwand der Leinwandstoff und die Grundierung, mit der die Leinwand präpariert ist. Es gilt die Regel: Eine glatte Oberfläche nimmt weniger Pigmente auf und man kann nur wenige Schichten auftragen. Die Oberfläche „erschöpft“ sich irgendwann und die Farbe „prallt“ ab. Probieren Sie es aus! Mit Farbstiften geht das ganz einfach.

 

Wer mit vielen Schichten arbeiten will, sollte sich nach Papier mit einer rauhen Oberfläche umsehen, da durch die grobe Faserung mehr Pigment aufgenommen werden können. Der Nachteil ist, dass man keine supergenauen Striche machen kann und dass auch die Struktur des Papiers meist durchscheint. Aber überlegen Sie nicht zu lange! Probieren Sie einfach aus, welche Art ihnen besser gefällt und was Ihnen liegt!

 

Bei Leinwänden ist die Wahl nicht so schwer, da sich die Malgründe bei gekauften, bereits präparierten Fertigprodukten nicht so sehr unterscheiden. Viele professionelle Maler bereiten sich ihren Malgrund selber vor, da sie dann die unterschiedlichen Komponenten genau dosieren können. So können Sie entscheiden, ob die Malunterlage glatt, grob, trocken, ölig oder saugfähig werden soll.

 

Demnächst folgen Kapitel zu:

 

Formatwahl

Licht und Schatten

Farben

Komposition

Zwischenräume

Oben und unten

Kalte Farben  - Warme Farben

Malen und Zeichnen nach Anschauung

Kopien

Malen aus der Vorstellung

Intuitives Malen

Wann ist ein Bild fertig?

Übungen zum Auflockern

Inspiration

Kunst

Zeitgenössische Kunst